Der ÖV-Hub Fiesch mit der Kabinenbahn nach Fiescheralp und mit dem Zug der Matterhorn-Gotthard-Bahn.
Foto: Garaventa
Bahnen

ISR-REPORTAGE

Neuer ÖV-Hub in Fiesch

Ein Jahrhundertbau in Fiesch verbindet einen neuen Bahnhof mit Zug- und Bus-Terminal mit dem direkten Zugang zur Talstation der neuen 10er-Kabinenbahn der Doppelmayr/Garaventa-Gruppe hinauf auf die Fiescheralp.

von: Roman Gric

Aletsch Arena

Das Feriengebiet Aletsch Arena im oberen Wallis bilden die Gemeinden Mörel-Filet, Lax, Fieschertal und Fiesch mit ihren auf den Hängen oberhalb des Rhone-Tales gelegenen autofreien Ferienorten Riederalp, Bettmeralp und Fiescheralp. Ab den 1930er Jahren fing in diesen Orten die touristische Entwicklung an. Pensionen und Hotels wurden gebaut, die Infrastruktur wurde verbessert. Wesentlich für diese Entwicklung waren die Eröffnung der meterspurigen Bahn von Brig nach Gletsch im Jahr 1915 und der fahrplanmäßige Betrieb seit 1926 weiter über den Furka-Scheiteltunnel und den Oberalppass bis nach Disentis. Diese legendäre Furka-Oberalp-Bahn (FO) wurde im Jahr 2003 in die heutige Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB) integriert. Durch die Erschließung des Gebietes mit immer mehr Bahnen und Liften wurden die Gebiete der heutigen Aletsch Arena spätestens ab den 60er Jahren auch als Winterdestinationen immer beliebter.

Einer der Höhepunkte der touristischen Entwicklung der Region war die Ernennung des Gebietes rund um den Großen Aletschgletscher zum ersten UNESCO-Weltnaturerbe der Alpen im Jahr 2001. Seit Oktober 2013 vermarkten die Ferienorte Riederalp, Bettmeralp und Fiesch-Eggishorn die Tourismusregion gemeinsam unter der Dachmarke Aletsch Arena.

Frühe Seilbahnen

Als erste bekam die Riederalp im Jahr 1950 mittels einer simplen Pendelbahn für acht Personen eine Seilbahnverbindung mit dem Tal. Ein Jahr danach eröffneten die Pendelbahnen mit 4er-Kabinen zwischen Betten und Betten Dorf und Betten Dorf und Bettmeralp. Bald folgten die ersten Schlepplifte und Sesselbahnen, die ersten Zubringeranlagen wurden im Laufe der Zeit durch leistungsfähigere Bahnen ersetzt und verdoppelt. Die Erschließung des dritten Geländes im Gebiet mit den Pendelbahnen von Fiesch nach Fiescheralp (Kühboden) und vom Kühboden auf das Eggishorn (höchstgelegene Bergstation der Aletsch Arena) begann erst in den 60er Jahren. Auf der ersten fast 3 km langen Teilstrecke wurde im Jahr 1966 eine 35er-Pendelbahn eröffnet, zwei Jahre danach folgte die zweite Teilstrecke mit 25er-Kabinen bis auf das 2.869 m hohen Eggishorn.

Seilbahnen mit Extras

Vor fünf Jahren wurde die 12er-Kabinenbahn Riederalp – Moosfluh aus dem Jahr 1995 durch eine einzigartige Kombibahn von Garaventa ersetzt. Wegen geologischen Setzungen im Bereich der Bergstation im Zusammenhang mit dem Rückzug des Aletschgletschers wurde die Trasse mit der Mittelstation Blausee in zwei Teilstrecken unterteilt. Die bergseitige Hälfte der Mittelstation ist ähnlich wie ein Gelenkbus konzipiert, wodurch die zweite Teilstrecke Blausee – Moosfluh seitlich horizontal um bis zu 2º verschoben werden kann. Die Bergstation wurde in einer massiven steifen Betonwanne fundiert, die sich mit dem Gelände verschiebt. Die in dieser Betonwanne monolithisch gegründete Bergstation samt der letzten Stütze Nr. 16 kann sich bis zu 11 m horizontal verschieben und 9 m vertikal absenken. Mit 15 hydraulischen Pressen wird die Station in der Wanne horizontal und vertikal nachgerichtet.

Auch die Stützen sind verschiebbar fundiert. Dies entspricht aufgrund der langjährigen detaillierten geologischen Beobachtungen den prognostizierten Hangbewegungen in den nächsten 25 Jahren und somit auch der angenommenen Lebensdauer der Bahn.

68 6er-Sessel und 18 6er-Kabinen werden im Verhältnis 4:1 auf das Förderseil angekuppelt, im Sommer sind nur Kabinen in Betrieb. Der Doppelschlaufeneinstieg in der Talstation trennt beide Fahrzeugarten und somit auch die Fahrgäste mit und ohne angeschnallte Sportgeräte. Ein höhenverstellbares Förderband und ein niveaugleicher Einstieg in die Kabinen ermöglicht ein bequemes Einsteigen in die Fahrzeuge (siehe ISR Schweiz Spezial 2016, S. 16–17).

Im Jahr 2018 wurde – auch von der Doppelmayr/Garaventa-Gruppe – die einspurige Pendelbahn Betten Tal – Betten Dorf überarbeitet und mit einer neuen Steuerung von Sisag versehen. Diese 872 m lange Bahn mit 367 m Höhenunterschied ist eine Pendelbahn mit einer 48er-Kabine und mit Winden-Antrieb; die Zugseilwinde befindet sich in der Bergstation. Vom Betten Dorf auf die Bettmeralp folgt die zweite Teilstrecke als klassische Pendelbahn mit zwei 50er-Kabinen. Vom Tal direkt auf die Bettmeralp gewährleistet eine 117er-Pendelbahn die Verbindung. Somit ist auf die Bettmeralp eine redundante Seilbahnverbindung mit zwei Bahnlinien gegeben.

Der neue ÖV-Hub Fiesch

Immer mehr Skitouristen nutzen den öffentlichen Verkehr für die Fahrt in den Wintersport. Voll diesem Trend entsprechend haben die Aletsch Bahnen, die Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB) und die Gemeinde Fiesch als Bauherren mit dem Architekten und Investor Hans Ritz die neue ÖV-Drehscheibe in Fiesch als Gemeinschaftsprojekt gebaut. Der neue Verkehrsknotenpunkt besteht aus der Talstation der neuen 10er-Kabinenbahn auf die Fiescheralp, einem komplett neuen Bahnhof der MGB und einem Postbus-Terminal. Durch die Integration und Verknüpfung aller Verkehrsträger an einem Ort wurden kurze, schnelle und barrierefreie Umsteigwege geschaffen.

Für das Projekt hat die MGB den Haltepunkt für ihre Züge vom bisherigen Bahnhofsgebäude 400 m nach Norden verlegt und in den ÖV-Hub integriert. Dadurch ist ein komplett neuer Bahnhof mit zwei Außenbahnsteigen sowie einem 600 m langen neuen Doppelgleis für eine optimierte Kreuzungsmöglichkeit der Züge entstanden. Eine besondere Herausforderung bei der Gleisverlegung stellte die 36 m lange Bogenweiche mit einem Gewicht von 35 t dar. Sie wurde in drei Teilen angeliefert und dann mit einem Kran über die Dächer gehievt und eingebaut.

Die neue KabinenbahnFieschFiescheralp ist eine D-Line-Bahn der Doppelmayr/Garaventa-Gruppe mit Seillageüberwachung RPD. Mit 7,0 m/s ist sie aktuell die schnellste Kabinenbahn der Schweiz. Als Antrieb wurde der 867 kW starke Doppelmayr Sector Drive (DSD) verwendet, ein permanenterregter Synchronmotor, der mit modernster Frequenzumrichtertechnologie arbeitet und sich auch für steile Anlagen wie die hier in Fiesch sehr gut eignet.

Die neue Kabinenbahn ersetzte die 100er-Pendelbahn FieschFiescheralp (Kühboden) von Garaventa aus dem Jahr 1974. Für die neue Bergstation wurde die bestehende Bausubstanz der abgebauten Pendelbahn erweitert und für die Garagierung der Kabinen verwendet. Bei der Talstation wurden 760 m2 und bei der Bergstation 1.100 m2 Kunststoff-Folie als Fassaden-verkleidung eingesetzt. Die Verkehrswege in den Stationen sind barrierefrei angelegt. Die Bahn ist mit der neuesten Kabinengeneration der Omega V von CWA ausgestattet, für den Gütertransport stehen zwei Transportkabinen zur Verfügung.

Der Startschuss für den Bau fiel im Oktober 2018. Wegen der Einhaltung der Terminvorgaben haben in der Bergstation der Baumeister, der Stahlbauer und der Seilbahnbauer zu gleicher Zeit ihre Arbeiten ausgeführt. Der ÖV-Hub Fiesch wurde nach einer äußerst kurzen Bauzeit von 14 Monaten am 7. Dezember 2019 feierlich eröffnet.

Mit rund 24 Mio. CHF übernahm die Aletsch Bahnen AG den Hauptanteil dieser Investition. Die MGB beteiligte sich mit 17,6 Mio. CHF, der Architekt Hans Ritz investierte 6 Mio. Das Vorzeigeprojekt ÖV-Hub Fiesch macht eindrucksvoll deutlich, was durch Kooperation von verschiedenen Partnern erreicht werden kann.

Zweite Bauetappe geplant

Mit der Eröffnung des ÖV-Hub Fiesch ist der Ausbau des Knotenpunktes noch nicht abgeschlossen. In einem zweiten großen Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite soll die Talstation einer zweiten Kabinenbahn nach Bellwald gebaut werden. Die Pläne dafür sind bereits weit fortgeschritten. Kürzlich gab das Bundesamt für Verkehr (BAV) grünes Licht für Gelder aus dem Bahninfrastrukturfonds FABI (Finanzierung und Ausbau Bahninfrastruktur), weil die Bahn nach Bellwald auch ÖV-Funktionen erfüllt. Damit sei die Grundlage für dieses Projekt gegeben. Diese zweite Bahn würde Skigebiete der Aletsch Arena mit jenem von Bellwald verbinden und damit einen Aufschwung bringen.


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