Die Talstation mit dem offenen Bahnsteig der Obersalzbergbahn ist ein unauffälliges Bauwerk am Ufer der Berchtesgadener Ache.
Foto: Roman Gric
Bahnen

AUSSERGEWÖHNLICHE SEILBAHNEN

Die Obersalzbergbahn

Vor 70 Jahren wurde als erste Seilbahn in Berchtesgaden die Obersalzbergbahn eröffnet, eine 4-Wagengruppen-Pendelbahn mit acht Kabinen.

von: Roman Gric

Wagemutige Ideen zum Bau einer Berchtesgadener Bergbahn gab es schon vor dem 1. Weltkrieg. So wollte man von St. Bartholomä am Ufer des Königsees über die höchste Wand der Ostalpen, die 2.000 m hohe Watzmann-Ostwand, eine Bahn zu einer der Watzmannspitzen erbauen. Diese und auch andere Seilbahnprojekte zur Erschließung der unberührten Gebirgslandschaft des zentralen Gebirgsstocks der Berchtesgadener Alpen wurden letztendlich verworfen.

Erste Bergbahn in Berchtesgaden

Nach dem 2. Weltkrieg wollte Berchtesgaden das Potenzial einer der schönsten Gebirgslandschaften Deutschlands touristisch nutzen und auf die Erfolge im Tourismus vor dem Krieg anknüpfen. So wurde im April 1949 die Berchtesgadener Bergbahn GmbH gegründet mit dem Ziel, von Schönau am Königssee die Jennerbahn zu bauen (siehe ISR 6/2019, S. 14–16). Zu den Initiatoren und Gründern der Gesellschaft gehörte der bekannte deutsche Bergsteiger, Bergretter, Skifahrer und Skispringer Josef Aschauer aus Berchtesgaden. Da das gesammelte Kapital für den Bau der Jennerbahn anfangs nicht reichte, wurde die kleinere Obersalzbergbahn als Pilotprojekt im Jahr 1950 verwirklicht. Die Eröffnung der Jennerbahn folgte erst drei Jahre später.

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In der Mittestation treffen immer zwei Kabinenpaare zusammen.
Foto: Roman Gric

Seilbahn mit Speziallösungen

Die Obersalzbergbahn wurde von keiner damals anerkannten Seilbahnbaufirma projektiert und erbaut, sie gilt als eine Prototypanlage, die sich jedoch während der 70 Betriebsjahre bestens bewährt hat. Für den Bahnbau war Baumeister Dipl.-Ing. Bickel aus München verantwortlich, den mechanischen Teil lieferte die Firma Mechanik Voggenreiter.

Die Bahn ist eine Gruppenpendelbahn mit vier Gruppen von je zwei Kabinen. Zwischen der Tal- und Mittelstation verkehren die Kabinenpaare Nr. 1+2 und 3+4, zwischen der Mittel- und Bergstation die Kabinen Nr. 5+6 und 7+8. Alle acht Kabinen sind an einem endlos gespleißten Zugseil mit Federspeicherklemmen befestigt. Um den Abstand beider Kabinen im Paar immer exakt aufrecht zu erhalten, sind die Kabinen mit je zwei Stangen gelenkig miteinander verbunden. Die in einem Stück hergestellten Tragseile sind in der Talstation verankert, in der Bergstation gewichtgespannt und durch die Mittelstation laufen sie durch. In jeder der acht Kabinen finden vier Erwachsene und ein Kind Platz.

Mit Eisenbahnteilen gebaut

Ungewöhnlich sind bei dieser Seilbahn nahezu alle Bauteile. Der in Eigenbau erstellte Antrieb in der Talstation verfügte ursprünglich über zwei separate Antriebsscheiben mit jeweils einem Gleichstrommotor mit zwei Zahnrädern als Übersetzung. Eine Antriebsscheibe lief vorwärts, die andere entsprechend der Zugseilführung im Antriebsraum rückwärts. Ein Mann war nur für die Regulierung der Geschwindigkeit beider Antriebe zuständig. So ist die Bahn bis zum Umbau im Jahr 1996 gelaufen. Erst dann sind ein Antriebsmotor und ein Getriebe mit zwei Kardanwellen zum Antrieb beider Antriebsscheiben eingebaut worden, und die Bahn wurde auf einen teilautomatischen Betrieb umgebaut.

Wegen der Mangelsituation nach dem Krieg wurden bei der Seilbahn Komponenten von der Deutschen Reichsbahn verwendet. Die Umlenkscheiben der Tragseil-Spannseile in der Bergstation sind z. B. Speicherräder einer ausrangierten Dampflok. Dies ist eindeutig an der Ausgleichmasse im Radstern und an der Stelle des Rades, wo einst die Treibstange der Lok angebracht war, zu erkennen (siehe Abb.). Auch bei anderen Seilscheiben ist ihre Herkunft von der Eisenbahn erkennbar. Von der Deutschen Reichsbahn stammen auch die neun Trassenstützen. Es sind Eisenbahn-Oberleitungsmasten in Fachwerkkonstruktion, die mit Querträgern auf dem Stützenkopf versehen und mit vier verankerten Seilen stabilisiert wurden. Auf den Querträgern sind die Tragseilschuhe und Rollenbatterien befestigt.

Im Jahr 1996 hat der damalige Südtiroler Seilbahnhersteller Hölzl die Bahn generalsaniert. Der Antrieb wurde umgebaut, und die Bahn bekam neue Laufwerke und neue Kabinengehänge. Nach mehreren Besitzerwechseln wird die heutige Bahn von der Privatgesellschaft „Obersalzbergbahn GmbH“ betrieben.

„Unsere Seilbahn hat trotz Modernisierung ihr ursprüngliches Erscheinungsbild kaum verändert. Auch die Originaltragseile sind im so guten Zustand, dass wir sie weiterverwenden dürfen. Dank der geringen bewegten Massen und der niedrigen Fahrgeschwindigkeit ist auch der Verschleiß gering. Früher haben wir den Betrieb mit sechs Bediensteten aufrechterhalten, heute nach dem Umbau des Antriebes und mit der Fernüberwachung der Mittelstation sind es nur noch zwei“, so Andreas Bruckmann, Geschäftsführer und Besitzer der Obersalzbergbahn GmbH.

Bedeutung für Tourismus

Von der Talstation am Ufer der Berchtesgadener Ache in der Nähe des Berchtesgadener Marktplatzes erreicht die Obersalzbergbahn nach einer 1,5 km langen Fahrt die Bergstation an der Querstraße Obersalzberg – Scharitzkehl. Die Bahn erschließt ein ausgezeichnetes, 50 km langes Wegenetz auf einer Meereshöhe von etwa 1.000 m. Sowohl von der Mittel- als auch von der Bergstation aus gibt es viele Wandermöglichkeiten. Nach einer bequemen Wanderung von 1,5 Stunden erreicht man von der Bergstation der Obersalzbergbahn die Mittelstation der Jennerbahn. An diesem Weg laden mehrere Wirtschaften zum Verweilen und zur Erfrischung mit heimischen Spezialitäten ein. Beim Alpengasthof Hochlenzer unmittelbar bei der Bergstation ist im Sommer eine Sommerrodelbahn (Muldenbahn) der Marke Wiegand in Betrieb.

Nach etwa 2 km Fußweg von der Bergstation entlang einer Höhenschichtenlinie erreicht man eine Dokumentationsstelle mit zeitgeschichtlicher Ausstellung und Bunkeranlagen aus Hitlers Führer-Sperrgebiet, die Bus-Abfahrtsstelle zum Kehlsteinhaus und ein Adlergehege. Im Winter fungiert die Obersalzbergbahn auch als Zubringer zu einer 4,7 km langen Naturrodelbahn.

Im Überblick

Die Obersalzbergbahn mit Pendelbetrieb von 4x2 Kabinen gehört neben der Hochjochbahn in Schruns, der Schaubachhüttenbahn in Sulden und der Schladminger-Tauern-Seilbahn am Hauser Kaibling zu den heutzutage weltweit vier Bahnen mit vier Kabinen (bzw. vier Kabinengruppen) im Pendelbetrieb und mit Umsteigstation in Trassenmitte.

Eine derartige Betriebsart bei einer Pendelbahn kann die mit zunehmender Bahnlänge grundsätzlich sinkende Förderleistung durch die Verdoppelung der Kabinenanzahl nahezu verdoppeln. Auf jedem Tragseilstrang pendeln im Abstand einer Trassenhälfte zwei Kabinen oder zwei Kabinengruppen, die sich in der Mittelstation begegnen. Die Mittelstation muss exakt in der geometrischen Mitte der Bahntrasse errichtet werden. Hier steigen die Fahrgäste in die andere Kabine, bzw. Kabinengruppe um, um die Fahrt in derselben Richtung fortzusetzen.

Einen Vierwagenbetrieb gab es auch bei der Patscherkofelbahn in Igls, bei der ersten Gletscherbahn Kaprun I, der ersten Penkenbahn, der ehemaligen Bahn Ehrwald – Zugspitzkamm der Tiroler Zugspitzbahn und der ersten Nebelhornbahn.

Technische Daten

Gruppenpendelbahn Berchtesgaden – Obersalzberg

Seehöhe Talstation530 m
Seehöhe Mittelstation770 m
Seehöhe Bergstation1.020 m
Schräge Länge1.530 m
Höhenunterschied 490 m
Stützenanzahl 9 + 2 Portalstützen
Tragseildurchmesser 25 mm
Zugseildurchmesser16 mm
AntriebTal
Motorleistung33 kW
Zug- und TragseilspanneinrichtungBerg
Kabinenanzahl4 x 2
Fahrgeschwindigkeit2,7 m/s
Fahrzeit12 min
Förderleistung80 P/h
Hersteller und BaujahrMechanik Voggenreiter, 1950
ModernisierungHölzl, 1996
SteuerungEscher
Kabinen Eigenfertigung

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