Umwelt

Lernen von Nordamerika?

Soziale Komponenten, Freunde, Skischaukeln, Freiwillige und der Wiedereinstieg

Ein wichtiges Merkmal erfolgreicher Skigebiete ist deren Größe, wie Forschungsarbeiten mit Gästebefragungen immer wieder bestätigen. Die Mehrzahl der Gäste bevorzugt demnach Gebiete, die besonders schneesicher und groß sind.

Manchmal hat die Größe aber auch eine Kehrseite – jeder, der bereits öfters mit einer Gruppe Skifahren war, kennt das Warten auf jene, die sich „verschaukelt“ haben und dadurch verspätet oder gar nicht am verabredeten Treffpunkt ankommen. Während es hier hauptsächlich an der Orientierung und am richtigen Einschätzen von räumlichen Distanzen scheitern kann, fehlen für Wintersportler, die allein in großen Skiresorts unterwegs sind, vor allem Gleichgesinnte, mit denen das Gebiet „erobert“ werden kann. Hier geht es zum einen um die Sicherheit, sowohl in der Orientierung als auch im Falle eines Sturzes wahrgenommen und „versorgt“ zu werden, und zum anderen um den Gesellschaftsfaktor. Der Skisport ist eine Sportart, die wie wenige andere eine gemeinsame Aktivität in der Gruppe ermöglicht. Viele Befragungen heben die soziale Komponente des Sports besonders hervor. Aber was tun, wenn die Alterskollegen nicht mehr so fit sind oder die Übung fehlt und das Selbstvertrauen abhanden gekommen ist.

Viele Medienberichte stellen das Thema Wiedereinstieg in den Skisport in den Mittelpunkt. Unter dem Motto „Radfahren, Schwimmen und Skifahren verlernt man nie!“ wird der Wiedereinstieg promotet. In einigen Skigebieten haben sich die Skilehrer und Skilehrerinnen bereits darauf spezialisiert, vor allem Frauen zu diesem Wiedereinstieg zu verhelfen und den Weg zum Sporturlaub zu ermöglichen.

Soziale Betreuung, neue Freunde gewinnen, Zuspruch und ein bisschen Anleitung … diese Aufgaben, die seit jeher wichtig sind, um Begeisterung für den Wintersport zu wecken, haben einen stärkeren Fokus bekommen durch gesellschaftliche Veränderungen (Stichworte „Best Agers“, „Single-Wochen“, „Work-Life-Balance-Auszeiten“, u. v. m.). Für die Skigebiete haben sich so neue Aufgaben ergeben, wenn man außerhalb der Ferienzeiten eine Klientel ansprechen möchte, die nicht den Jugendlichen und Familien zugeordnet ist. Aufgaben, die vorrangig die Zufriedenheit und Motivation zum Wiedereinstieg beim Gast beeinflussen können.

Wie gehen die die alpinen Skigebiete mit diesen Neuerungen um? In vielen alpinen Skigebieten hat in den letzten Jahren die Anzahl der Skilehrer und Skilehrerinnen zugenommen, die den sportlichen Wiedereinstieg betreuen und unterstützen. Vermeidung von Verletzungsgefahren, Umgang mit neuem ungewohntem Material (Stichwort Carving-Skier) und die Orientierung im Gelände sind wichtige Gründe für einen begleiteten Wiedereinstieg. Die Angebote mit sogenannten Privatskilehrern, die in vielen alpinen Skiorten auch schon mit der Unterkunft mitgebucht werden können, unterstreichen den Bedarf und die Bemühungen um eine lukrative Zielgruppe.

Wenn jedoch weniger das sportliche Können als das Fehlen von Gleichgesinnten oder die Sorge vor dem „Verlorengehen“ in einem großen Skigebiet die Lust am Fahren eingeschränkt hat, dann lohnt ein Blick nach Nordamerika.

Die Antwort auf „Ortientierungsschwierigkeiten“, „Sehnsucht nach Kameradschaft“ und einem „Sicherheitsbedürfnis nach Gemeinschaft“ ist dort der Einsatz von sogenannten „Volunteers“, freiwilligen Helfern. Ein anschauliches Beispiel ist Whistler. In einem Skigebiet mit 32 km² Pistenfläche kann man sich schon mal verloren fühlen. Das Management sorgt hier mit einem Team von 180 freiwilligen Helfern vor. Alle Helfer haben eine Jahresliftkarte, die gleichzeitig auch Ihr Entgelt für ihre freiwillige Arbeit darstellt. Sie wurden geschult und haben feste Tage, an denen sie eingeteilt sind und sich auf zu betreuende Gäste freuen. Gerlinde, eine gebürtige Österreicherin mit Wohnort in Vancouver, gehört seit Jahrzehnten zu den begeisterten Freiwilligen. Sie schildert die Motive der meisten freiwilligen Helfer: „Es ist sicher nicht die Liftkarte, die könnten sich viele auch selbst leisten. Für viele Freiwillige ist es das nette Erlebnis in der Gruppe und der Spaß, den man vermitteln kann, der wichtigste Anreiz“. Um 9 Uhr beginnt Gerlindes Arbeitszeit, sie hilft im Bereich der Schlangen vor den Kassen und erklärt das Liftkartensystem. Ab 10 Uhr ist sie ganz für die deutschsprachigen Gäste da. Sie stellt das Gebiet und die Möglichkeiten in deutscher Sprache vor und beginnt dann die Fahrt mit ihrer deutschsprachigen Gruppe ins Gelände. Die Gruppengröße wechselt täglich, manche Gäste kommen am nächsten Tag wieder, andere haben sich mit den Kollegen des Vortags zum Skifahren verabredet. Die Betreuung in der Muttersprache baut Ängste und Hemmschwellen ab und erhöht den Spaß. Daneben ist auch die Unterstützung von Personen mit körperlichen Handicaps eine Kernaufgabe der Freiwilligen.

Ebenso wäre auch die Schulung im Bereich Umweltmaßnahmen im Skigebiet ein Einsatzbereich. Volunteers könnten zukünftig in Ihren Gesprächen mit den Gästen auch Wissenswertes zu Umweltmaßnahmen einfließen lassen und sie über das Engagement des Resorts informieren. Dies könnte zusätzlich – gerade bei der Zielgruppe der Wiedereinsteigenden – zu Loyalität gegenüber dem Gebiet führen.

Dass es in den Skigebieten auch in Europa nicht nur um den Sport geht, sondern auch um das Wohlfühlen, u. a. durch die Ansprache in der eigenen Sprache, unterstreicht auch eine aktuelle Untersuchung von Frau Haller-Rupf (Hochschule Chur) aus der Schweiz, die sich mit den Wirkungen von chinesischen Skilehrern in der Schweiz auseinandersetzte.

Vielleicht können wir aus dieser nordamerikanischen Praxis etwas lernen und die Tradition der Volunteers aus dem englischsprachigen Raum zumindest teilweise in den Alpen etablieren. Volunteers wollen anderen Menschen oder Gruppen helfen, freiwillig und ohne finanziellen Gegenwert … vielleicht gibt es sie bei uns auch.

Ulrike Pröbstl-Haider, Alexandra Jiricka

Univ.-Prof. Dipl.-Ing. DDr. Ulrike Pröbstl, Univ.-Ass. Dipl.-Ing. Dr. Alexandra Jiricka, Institut für Landschaftsentwicklung, Erholung und Naturschutzplanung der Universität für Bodenkultur, Wien. Fotos: beigestellt

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