Städtische Seilbahnen

Städtische Seilbahn für Naherholungsgebiet

Seit Ende 2010 verbindet in Ústí nad Labem (Aussig) im Nordwesten Tschechiens eine moderne Pendelbahn der Firma Bartholet Maschinenbau AG das Einkaufszentrum „Forum“ in Stadtmitte mit dem bewaldeten Hügel Větruše (Ferdinandshöhe).

Der Hügel Větruše bietet eine hervorragende Aussicht auf die Stadt Ústí nad Labem und den Fluss Elbe. Mit dem gleichnamigen Schlösschen mit Ausflugsrestaurant, Konferenzsaal und Aussichtsturm wurde Větruše bereits im 19. Jahrhundert zum gesellschaftlichen Treffpunkt der Stadteinwohner. Im Jahr 2000 wurde das inzwischen verkommene Schlösschen durch einen Brand schwer beschädigt. Letztendlich wurde im Jahr 2001 das Schlösschen von der Stadt gekauft, die dann 2002 mit seiner Renovierung und mit der Umwandlung der Umgebung zu einem Naherholungsgebiet begonnen hat.Die Pläne zur Umgestaltung des Gebietes setzten auch eine direkte Verbindung des Hügels Větruše mit dem Stadtzentrum voraus. Aus mehreren Varianten wurde eine Seilbahn mit einer 330 m langen stützenlosen Trasse von der oberen Etage des neuen Einkaufszentrums zur Bergstation unmittelbar neben dem Schlösschen gewählt. Die Trasse dieser als Zweiseil-Pendelbahn gebauten Anlage mit zwei 15er-Kabinen überquert mehrere Straßen, eine O-Buslinie, zwei Eisenbahntrassen, einen Autobahnzubringer und den Fluss Bílina.Wegen dieser komplizierten Trassenverhältnisse standen für die Seilmontage nur einige wenige Stunden Sperrung des gesamten Verkehrs unter den Seilen zur Verfügung, die zum Spannen eines Hilfseiles mittels Hubschrauber und zur nachfolgender Montage sämtlicher Betriebsseile genützt werden mussten. Aus dem selben Grund ist an der Bahn nur eine Bergung entlang der Seile möglich, wozu in der Bergstation eine Bergekabine mit Seilwinde angebracht ist. Beide Tragseile sind fix gespannt und mit Lichtwellenleitern zur Signalübertragung versehen. Die Kabinen sind an dem als endlos gespleißte Schleife ausgeführten Zugseil mittels Seilklemmen befestigt. Da die Bergstation am steilen Rande des Hügels besonders kompakt gestaltet werden musste, wird das Zugseil lediglich mittels dreier waagerecht angebrachter Seilscheiben oberhalb des Bahnsteiges gespannt und angetrieben. Die mittlere Scheibe dient zur hydraulischen Abspannung der Zugseilschleife und die restlichen zwei Seilscheiben sind Antriebsscheiben mit je einem Antriebsmotor und Getriebe, wobei beide Motoren elektronisch gekuppelt sind.Beide von Carvatech gelieferten geräumigen 15er-Kabinen bieten zehn Sitzplätze an. Mit den Kabinen werden auch Fahrräder und Rollstuhlfahrer befördert. Die Bahn bildet einen Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs und steht täglich von 8 bis 22 Uhr in Betrieb. Eröffnet wurde sie am 7. Dezember 2010.Wie uns Betriebsleiter Václav Müller mitgeteilt hat, wurden von den gesamten Investitionskosten von 80 Mio. CZK (etwa 3,2 Mio. Euro) für die Technologie und Bausubstanz der Seilbahn mehr als 90 % aus den europäischen Fördermitteln für Regionalentwicklung finanziert. Die Bahn wird laut Förderungsregeln als eine Non-Profit-Anlage betrieben werden. Deswegen dienen die Fahrpreiserlöse nur zur Deckung der Betriebskosten und können somit relativ niedrig gehalten werden, was zu einer enormen Beliebtheit der Anlage beigetragen hat – im ersten Betriebsjahr wurden über 300.000 Fahrgäste befördert. Die Bahn hat beste Aussichten zum neuen Wahrzeichen der Stadt zu werden.

Roman Gric

TECHNISCHE DATEN
Zweiseil–Pendelbahn „Ústí nad Labem – Větruše“

Seehöhe Talstation 156 m
Seehöhe Bergstation 206 m
Schräge Länge 330 m
Höhenunterschied 50 m
Stützenanzahl keine
Spurweite 6,0 m
Tragseildurchmesser 36 mm
Zugseildurchmesser 20 mm
Antrieb Berg
Spanneinrichtung (hydraulisch) Berg
Fahrzeuganzahl 2
Kabinenfassungsraum 15 Pers.
Motorleistung 2 x 45 kW
Fahrgeschwindigkeit 6,0 m/s
Förderleistung 390 P/h

Beteiligte Firmen:
Seilbahntechnik Bartholet Maschinenbau
Elektrotechnik Frey AG Stans
Kabinen Carvatech
Baujahr 2010

Dieser neue Kabinentyp von Carvatech wurde zum ersten Mal an der Pendelbahn Větruše verwendet. Dank der geringen Trassenneigung konnte das Kabinengehänge kurz gebaut werden. Foto: R. Gric

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