Sicherheit

Der Lebenszyklus von Steuerungssystemen

Der Lifecycle (= Lebenszyklus) von Steuerungssystemen für Seilbahnen ist einem rasanten Technologiewandel unterworfen, der nicht zu stoppen ist. Dieser bringt sowohl Chancen als auch Risiken mit sich.

Die ISR bat dazu Erich Megert, VR-Delegierter sowie Marketing- und Verkaufsleiter des Schweizer Steuerungsproduzenten SISAG AG, zum Interview.

ISR: Herr Megert, inwiefern ist der Lifecycle von Steuerungssystemen einem Technologiewandel unterworfen?

Erich Megert: Eine Seilbahn ist ein Investitionsgut. Wenn man diese Anlage nach bestimmten Kriterien unterhält, dann ist sie beispielsweise im Bereich des Lebensalters bestimmten Grenzen ausgesetzt. Auf diesem Gebiet differenzieren wir gegenwärtig zwischen festen Bauten und Mechanik und dann sicher der Elektrik. Wenn man die festen Bauten anschaut, dann sind die Lebenszyklen bedeutend höher. Sie liegen, je nach Definition, bei 50 bis 80 Jahren, bei der Mechanik sind das dann 30 bis 40 Jahre, und bei der Elektrik sprechen wir hier von einer Halbwertszeit der Mechanik, nämlich von 15 bis 20 Jahren. Das liegt darin begründet, dass bei den Herstellern die Elektrik früher viel mehr auf Basis der Elektromechanik gebaut wurde, also die Hardware hatte man in diesem Sinne besser im Griff und konnte diese mit entsprechender Instandhaltung in Schwung halten, und das diente letztendlich der Verlängerung des Lebenszyklus. Ungefähr Anfang der 1990er-Jahre, die Grenzen sind hier fließend und auch länderspezifisch unterschiedlich, hat dann auch in unserer Branche die neue Technologie mit der programmierbaren Technik und Software Einzug gehalten. Heute ist viel mehr systemintegriert und basiert auf der Informationstechnologie. Die Folge davon sind eine hohe Abhängigkeit von Komponenten-Lieferanten und kürzere Lebenszyklen. Natürlich schaut man auch heute in der Evaluation von Systemen und Produkten, dass man von den Komponenten her nicht exotisch, sondern robust und stabil ist, aber trotzdem ist die Abhängigkeit vom Lieferanten nicht wegzudiskutieren. Man ist dann auch noch genug mit der gesamten Applikation für den jeweiligen Endnutzer wie z. B. dem Seilbahnunternehmen beschäftigt, dazu kommt noch der effektive Bau der Komponenten, die Zertifizierung der Komponenten etc., das ist ein riesiger Rattenschwanz. Diese Entwicklung gilt für die meisten anderen Branchen auch und ist nicht aufzuhalten.

ISR: Welche Problematik bringt nun vor diesem Hintergrund das Lebenszyklus-Management von Steuerungssystemen mit sich?

Erich Megert: Auch hier gibt es verschiedene Ebenen, eine davon ist die ganze Kommunikation an sich. Es ist ein Problem, dass dieser rasante Technologiewandel einem Teil der Anwender bislang nur mäßig bewusst ist. Denn er betrifft die gesamte Seilbahnbranche. Man hat immer noch im Kopf, das man z. B. eine Standseilbahn mit einer Betriebsbewilligung von 40 Jahren gekauft hat und dann ist Finito. Aber das gilt nicht für alle Disziplinen. Die Lebensdauer der elektromechanischen Teile hängt von der Abnutzung und den Müdigkeitserscheinungen ab. Die Elektrik und Software haben in der Regel keine Müdigkeitserescheinungen, aber es gibt niemanden mehr, der die dann unterhält, in dem Sinne wird sie dann indirekt auch müde. Man hat in diesem Kontext auch schon von „veralteter, rostiger SPS“ gesprochen. Das charakterisiert ein wenig die Situation: Die Software wird nicht rostig, aber trotzdem hat sie ihren Lifecycle. Wir wollen eben die Sensibilität für diese Thematik erhöhen. Aus diesem Grund haben wir jetzt Kommunikations-Maßnahmen ergriffen, eine davon ist dieses Interview mit der ISR. Außerdem widmet sich das OITAF-Seminar 2016, das im Rahmen der alpintechnischen Fachmesse „Mountain Planet“ (13. bis 15. April) in Grenoble abgehalten wird, diesem Thema. Der Titel dieser Veranstaltung lautet: „Chancen und Gefahren moderner Technologien bei Seilbahnsteuerungen“.

ISR: Welche Chancen und Risiken haben die neuen Technologien für Steuerungssysteme?

Erich Megert: Neue Technologien haben einen Vorteil, nämlich, dass sie in der Masse günstiger sind als der Eigenbau, aber dafür haben sie einen kürzeren Lifecycle, und die ganzen Sicherheitsverfahren sind aufwändig. Letztendlich geht es auch in diesem Zusammenhang um Kosten, um Verfügbarkeit und um Risiken. Ich denke, die Risiken sind recht gut abgedeckt: Man verwendet entsprechend zertifizierte Komponenten, man arbeitet nach dem Vieraugenprinzip, wer auch immer dahintersteht, ob das Hersteller, Behörden sind oder Dritte, lassen wir das im Raum stehen. Aber bei der Verfügbarkeit, wenn es um das Finanzielle geht, dann wird das etwas schwieriger. Weil wenn Anlagen nicht verfügbar sind, dann kostet das Geld, und wenn ich an die ganze Diagnostik, die ganze Fachkompetenz mit neuen Technologien denke, dann ist das nicht so einfach. Selbst wir als Hersteller haben damit zu tun, den raschen Wandel der Technologien im Haus zu managen. Eigentlich hat man noch alte Geräte, alte Software und Leute mit Erfahrung, die ältere Anlagen pflegen können. Parallel dazu sollte man mit neuen Technologien, neuer Software und neuen Instrumenten schon wieder neue Produkte am Leben erhalten, und das zu managen ist nicht immer leicht. Die Chance ist eben mit neuen Technologien, die Verfügbarkeit und Diagnostik der Anlage noch mehr steigern zu können. Andererseits gibt es auch Risiken: Wenn sie z. B. auf WLAN und Internet angewiesen sind, was heißt das dann in Bezug auf die IT-Security? Und eben das alles zu handeln: Funktionalität und Technik auf der einen Seite, und die Sicherheitsverfahren auf der anderen Seite, das ist eine Herausforderung. Ein Beispiel zur Verdeutlichung der Sicherheitsthematik: Durch den Engpass einzelner Endkunden bezüglich der Internet-Verfügbarkeit gelangt man dann in den Bereich der öffentlichen Netze, und dort muss natürlich entsprechend die Sicherheit gewährleistet sein. Da sind dann teilweise Grenzen gesetzt, die nicht ganz so einfach zu überwinden sind. Es gibt immer Möglichkeiten, aber der Aufwand ist auch entsprechend groß. Doch die Technologien entwickeln sich sehr schnell und unaufhaltsam.

ISR: Sie beschäftigen sich schon lange mit dem Technologiewandel und dem nachhaltigen Lebenszyklus-Management von Steuerungssystemen und haben jetzt mit „SisTop“ eine Lösung für diese Problematik gefunden, wie sieht diese jetzt aus?

Erich Megert: Wenn die Bestandteile der Steuerungssysteme, egal ob Hard- oder Software, richtig gewartet, laufend gepflegt und upgedatet oder upgegradet werden, dann kostet das zwar eine Summe X, aber letztendlich spart es Geld. Die Idee ist nicht neu, wir arbeiten schon länger daran, sind aber überzeugt, dass die Zeit jetzt reif für unser Dienstleistungspaket „SisTop“ ist. Dabei handelt es sich um eine „Gewährleistungsversicherung“, die wir seit diesem Sommer anbieten. Wir versichern unseren Kunden die Gewährleistung, dass die Systeme für eine bestimmte Mindestnutzungsdauer verfügbar sind, inklusive aller Leistungen was Störungen, Hotline, Revisionen, Ersatzteilmanagement, Update, Upgrade etc. betrifft. Die jährlichen Kosten dafür werden voraussichtlich zwischen 5.000 CHF (= zirka 4.700 Euro) und 8.000 CHF (= zirka 7.500 Euro) liegen. Es gibt auch Deckungsausschlüsse, aber die halten wir so minimal wie möglich. Mit „SisTop“ greifen wir bereits präventiv ein und sorgen so für einen reibungslosen Anlagenbetrieb, ohne, dass uns der Seilbahnbetreiber „spürt“. Die Technik muss einfach laufen. Das Seilbahnunternehmen wiederum kann diese Einmalzahlung bereits frühzeitig in die Budgetplanung miteinbeziehen und so noch besser haushalten. Unser Ziel ist eine Win-Win-Situation für das Seilbahnunternehmen und für uns selbst. „SisTop“ ist unsere Antwort auf den rasanten Technologiewandel, der nicht zu stoppen ist. Jetzt geht es darum, diese Tatsache noch mehr in das Bewusstsein alle Beteiligten zu bringen, denn diese Thematik geht die gesamte Seilbahnbranche etwas an.

ISR: Danke für das Gespräch!

Claudia Mantona

 

Erich Megert, VR-Delegierter der SISAG AG: „Der rasante Technologiewandel ist nicht aufzuhalten und betrifft die gesamte Seilbahnbranche. Er birgt in sich Chancen und Risiken, die noch mehr in das Bewusstsein aller Beteiligten gelangen müssen.“ Foto: C. Mantona

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